Unsere 10. Klassen bei „Nathan der Weise“ im Theater Eisleben
Leidenschaftlicher, neuartiger „Nathan“ im Eisleber Theater

Nach dem beeindruckenden Theaterbesuch am 28.10.2016 folgte unter den Schülern ein intensiver Meinungsaustausch über diese Inszenierung, der in der Klasse 10 C in die Abfassung von Rezensionen zum Stück mündete. Der hier zu lesende Artikel ist ein ausgewähltes Beispiel und soll Interesse für den Besuch des Stückes wecken.

„Ich weiß, wie gute Menschen denken; weiß, dass alle Länder gute Menschen tragen“
(„Nathan der Weise“ II/5 Vers:1273-1274)

Nah dran an Lessings Originalstück, aber auch an heutigen Problematiken inszeniert Ulrich Fischer den Klassiker „Nathan der Weise“ in ungewohnter Aggressivität. Im Mittelpunkt des Stückes steht Nathan, gespielt von Michael Günther, der sowohl die Weisheit als auch die Aufklärung verkörpert und damit seine Mitspieler zu neuen Denkanstößen verleitet.
Das vor über 200 Jahren verfasste Stück befasst sich mit der heute noch aktuellen Religions-problematik, den 3 großen Weltreligionen, die sich in Recha vereinigen. Das Stück spielt in Jerusalem während der Waffenruhe im Jahre 1198, die im Stück allerdings ignoriert wird. Während Nathans Abwesenheit wird seine Ziehtochter Recha (Almut Liedke) durch den Tempelherren (Christopher Goetzie) aus den Flammen des Vaterhauses gerettet, was allein durch die Begnadigung des Tempelherren durch Saladin (Markus Lingstädt) möglich war. Dem schließt sich eine durch Daja (Anette Baldin) inspirierte Liebesgeschichte zwischen Recha und dem Tempelherren an. In der späteren Handlung erweist sich diese Liebe allerdings durch Nathans Forschungen und die Hilfe des Klosterbruders (Christian Hellrigl) als unmöglich. Den Kern der Geschichte bildet die Ringparabel, die der Versuch Nathans ist, auf die Religionsfrage, gestellt durch Saladin, eine Antwort zu finden.
Das Bühnenbild in Kombination mit dem Licht unterstreicht die Handlung und stellt die Figuren in den Vordergrund, sodass sie mit dem Bühnenbild interagieren. Die Besetzung ist passend gewählt und unterstützt die Charaktereigenschaften der Figuren. Der einzige Makel liegt bei Recha, sie entspricht nicht ganz der Vorstellung, die man dem Dramentext entnehmen kann, da einerseits ihre Gefühlsschwankungen nur in einzelnen Ausbrüchen wahrzunehmen sind, andererseits ihre jugendliche aufgeweckte Art sehr gut zur Geltung kommt.
Der erste Eindruck der Kostüme ist irritierend, da sie teilweise stark modernisiert sind und damit dem Zeitalter des Stückes nicht entsprechen. Aber dadurch werden die Aktivitäten des Themas widergespiegelt und die Emotionen im Stück verstärkt, weil man einen besseren „Draht“ zu der Handlung bekommt.
Zudem wird die Aktualität und Wichtigkeit des Themas mithilfe der Geräuschkulisse veranschaulicht, in Form von Bombendetonationen, die stark an heutige Kriegssituationen erinnern. Um die Ausmaße dessen zu zeigen, nutzen die Darsteller auch den Zuschauerbereich, alle sind mittendrin, wodurch man sich im Stück integriert fühlt und die Spannungssteigerung miterlebt. Aber auch durch den forschen Ton des Tempelherrn wird man immer wieder aufgeschreckt. Vor allem wegen seines aggressiven und handgreiflichen Verhaltens ist man oftmals sehr schockiert. Jedoch ist seine Figur durch starke Stimmungswechsel gekennzeichnet, was durch diese Spielweise hervorragend zum Ausdruck kommt.
Der Kern des Stückes, die Ringparabel, wird vor allem durch die besondere geheimnisvolle Beleuchtung hervorgehoben, die die Wichtigkeit der Szene unterstreicht und den eigentlichen Konflikt des Glaubens noch einmal sehr gut in den Mittelpunkt rückt.
Der neu interpretierte Schluss ist sehr abrupt. Statt der im Drama vorkommenden Gruppen-umarmung lässt der Tempelherr seinen Aggressionen freien Lauf. Daran kann auch Nathans Aufklärung der Familienverhältnisse nichts ändern. Man sieht, wie die aggressiv ausgedrückte Verzweiflung des Tempelherrn in orientierungslose Verwirrung aller umschlägt, bis das Stück mit plötzlichen Bombeneinschlägen endet. Dadurch fühlt man sich zurückgelassen und realisiert das Geschehen erst später.
Die stark gefühlsbetonten Charaktere finden große Begeisterung beim Publikum, welches sich mit anhaltendem Applaus für die impulsive Aufführung bedankt.

Carolin K./Dominic S.