Ein Wochenende in Buchenwald
Über das Verstehen von Zusammenhängen

Es ist gegen 9 Uhr morgens, als wir den Ettersberg erreichen. Der kleine Bus, beladen mit 13 Schülern und Frau Jügler ist damit früher als geplant am Ziel. Und doch beginnt die eigentliche Reise erst jetzt. Der Himmel ist grau. Es ist kalt und windig. Alle sind still. Wir betreten eine der ehemaligen SS-Kasernen, die von der Gedenkstätte Buchenwald als Jugendbegegnungsstätte genutzt wird. Wir werden auf Zimmer aufgeteilt und von Herrn Hirte begrüßt, einem Historiker, der in der Gedenkstätte auch für die Begleitung von Gruppen zuständig ist. Wir beziehen die Zimmer und treffen uns daraufhin in einem großen Raum zum ersten Plenum. Wir stellen uns vor und Herr Hirte tastet ab, mit welchen Erwartungen, Gefühlen und Interessen wir nach Buchenwald gekommen sind. Ein wirkliches Gespräch will dabei nicht aufkommen. Es herrscht ein unbehagliches Gefühl in dem Bewusstsein, so nah am Ort der Entmenschlichung zwei Nächte zu verbringen. Einige haben von ihren (Groß-) Eltern von deren Besuch in Buchenwald gehört, der in den meisten Fällen den Charakter einer Schocktherapie hatte. Herr Hirte stellt klar, dass sich viele Pädagogen mit der Vermittlung der Geschichte dieses Ortes beschäftigt haben und er keinesfalls die Absicht habe, uns zu schockieren. Wir sollen hier etwas verstehen. Und nicht nur irgendein stumpfes Gefühl mit nach Hause nehmen.
Er führt uns über das Gelände. Dabei können wir nachvollziehen, wie die Häftlinge über den so genannten Carachoweg durch das Lagertor auf den Appellplatz getrieben wurden. Auf einem großen Modell veranschaulicht er uns den Aufbau des ganzen Komplexes. Wir erfahren, dass das Lager zwar auf der von Weimar abgewandten Nordseite des Berges angelegt, von den Dörfern im Norden aus aber gut zu sehen war, man auch gar nicht wirklich versuchte, das Verbrechen zu verheimlichen, da es von einem Großteil der Bevölkerung getragen wurde. Nicht umsonst hatte zum Beispiel das Bauhaus bereits 1925 auf Druck rechter politischer Kräfte in Thüringen nach Dessau umziehen müssen. Die Stadt und das Umland waren dann besonders wirtschaftlich mit dem ab 1937 existierenden Konzentrationslager unmittelbar verbunden. Das begann mit den Firmen, die die Infrastruktur des Lagers bewerkstelligten und zum Beispiel die Verbrennungsöfen bauten und setzte sich mit den Firmen, die im Rüstungswerk genau neben dem Lager produzieren ließen, fort. Es gab sogar eine Art Bankfiliale im Lager. An diesem Freitag wird uns etwas erstes Wichtiges klar: ohne Unterstützung und Partizipation der Bevölkerung wäre der Lagerbetrieb in dieser Form nicht möglich gewesen.
Der Samstag besteht für uns aus zwei großen Teilen. Am Vormittag kann sich unsere Gruppe mit Naftali Arjan unterhalten, einem Krakauer Juden, der die Befreiung des Lagers am 11. April 1945 miterlebte und heute in Israel lebt. Am Nachmittag haben wir Zeit, um uns in Weimar frei zu bewegen und können uns zum Beispiel das Bauhaus-Museum ansehen. Hier wird uns deutlich, wie nah sich Kultur und Barbarei in dieser Stadt gegenüberstehen. Am Abend nehmen wir an einem weiteren, öffentlichen Zeitzeugengespräch mit der Auschwitz- und Buchenwald-Überlebenden Alina Dabrowska teil, das vom Weimarer Bürgerbündnis gegen Rechtsextremismus und der Gedenkstädte Buchenwald organisiert wurde. Der Saal ist mit etwa 200 Personen beinahe überfüllt. Den Sonntagvormittag verbringen wir mit Herrn Hirte am Glockenturm, der 1958 von der Regierung der DDR eingeweiht wurde und gehen den Weg über das symbolträchtig angelegte Gelände der Massengräber am Südhang des Ettersbergs. Er erklärt uns unterschiedliche Ideen, die Künstler für dieses Gelände hatten: So hatte Bertolt Brecht zum Beispiel den Vorschlag gemacht, am Südhang große Zuschauertribünen zu errichten, von denen man über die Massengräber hinweg auf die Stadt blicken sollte. Über den letztendlich angelegten Weg steigen wir die Treppen zu den Gräbern hinab, gehen an ihnen vorüber und steigen schließlich mit Blick auf den Glockenturm und das Befreiten-Denkmal des Künstlers Fritz Cremer aus der Tiefe empor. Hier wird uns allerdings auch deutlich, wie stark an diesem Ort das Leid und die Solidarität der politischen Gefangenen Buchenwalds betont und die Existenz anderer Gefangener nachrangig wurde.
Den Abschluss unseres Aufenthalts bildet die Gedenkveranstaltung zum Jahrestag der Befreiung des Lagers. Mehrere Überlebende halten Reden und mahnen unsere Generation dabei mit teils sehr deutlichen Worten, uns Krieg und Neofaschismus entgegenzustellen.
Als wir am Nachmittag im Bus nach Querfurt sitzen, herrscht erneut Stille. Wir sind müde und nachdenklich. Die meisten von uns wollen wieder kommen, da wir nun einen Zugang zum Umgang mit diesem Teil der Geschichte gefunden haben.

Toni Hübner, 12b