Letzte Woche bekamen 19 Schüler, mich eingeschlossen, die Gelegenheit zusammen mit unserem heutigen Gast Dr. Edward Sulek an einer 5tägigen Gedenkfahrt nach Auschwitz teilzunehmen. Diese Fahrt wurde größtenteils vom “Arbeit und Leben e.V.” sowie aus Mitteln der IBB gGmbH und durch den KJP des Bundes gefördert. Daher kostete uns der komplette Trip nur 60 Euro pro Person. Und von genau dieser Fahrt werde ich euch nun berichten.
Am Montag den 13. September brachen wir 7 Uhr früh zu einer fast 12 Stunden langen Busfahrt nach Auschwitz auf. Auf der Fahrt bekamen wir Aufgaben, um uns auf die bevorstehenden Tage mental vorzubereiten. Wir sollten u.a. unsere Erwartungen an die Reise aufschreiben, z.B. Geschichte hautnah zu erleben oder aber sich selbst ein Bild vom Ort eines so grausamen Verbrechens zu machen. Nach der Ankunft gegen 19 Uhr mitten in Polen und einem guten Abendbrot, saßen wir dann zusammen. Wir schauten uns den Film “Der Pianist” an, welcher uns mit den Umständen im 2. Weltkrieg des, von den Nazis besetzten, Warschau bekannt machen sollte.



Gleich am nächsten Tag sollten unsere Ausflüge beginnen. Zuerst fuhren wir in die Innenstadt, wo uns von einer Ortskundigen zuerst das jüdische Gemeindezentrum und anschließend der jüdische Friedhof gezeigt und nähergebracht wurde. Sie informierte uns über das ehemals blühende jüdische Leben in Polen und v.a. in Oswiecim, der eigentliche Name von Auschwitz, vor dem Einmarsch der Nazis 1939. Doch gleich im Anschluss sollten wir einen noch viel bedrückenderen Ort besuchen, das Stammlager Auschwitz I. Nach kurzer Wartezeit, einer Sicherheitskontrolle und der Bekanntmachung mit unserem neuen Guide standen wir auch schon vor dem Eingang. Über dem Eingang prangte der aus historischer Sicht spöttisch, ironische Spruch “Arbeit macht frei”. Nach Durchqueren des Eingangs wurden uns direkt die Unterkünfte der Häftlinge gezeigt. Gebäude der Größe von Mehrfamilienhäusern sollten dabei Behausung für 500- 900 Häftlinge bieten. Doch die Platz- und Hygieneprobleme sollten aber, laut unserem Guide, ihr geringstes Problem gewesen sein. Die Häftlinge mussten von früh morgens bis spät abends harte körperliche Arbeit verrichten. Wer nicht mehr arbeiten konnte, weil er keine Kraft mehr hatte, wurde entweder an Ort und Stelle oder auf dem Exekutionsplatz erschossen. Uns wurde anschließend eben genau dieser Exekutionsplatz gezeigt, eine schlichte Steinmauer, vor der tausende von Menschen ihr Leben ließen. Wir schwiegen eine Minute. Zum Abschluss besuchten wir die dortige Ausstellung. Über kurze Videoausschnitte wurde uns der Plan der Nazis, die Juden sowie andere in ihren Augen „niedere Rassen“ industriell in Massen zu vernichten, deutlich vermittelt. Ebenfalls bekamen wir die Möglichkeit die Überbleibsel des konfiszierten Raubgutes der SS-Aufseher zu begutachten. Darunter z.B. über 10.000 Schuhe, die einen ganzen Raum füllen konnten, oder Massenweise Geschirr mitsamt Besteck, das die Nazis den Häftlingen beim Betreten des Lagers abgenommen haben. Wir bekamen auch einen Raum zu Gesicht an dessen Wänden sich Zeichnungen von Kindern, die ebenfalls in das Lager gesteckt wurden, zu sehen waren und u.a.  erhängte Menschen oder SS-Soldaten zeigten. Dieser Tag war also enorm aufwühlend, aber auch aufschlussreich darüber, zu was fehlgeleitete Menschen im Stande sind.

Der nächste Tag sollte so beginnen, wie der vorherige endete: Mit einer Besichtigung. Diesmal aber Auschwitz II Birkenau, oder besser gesagt: Vernichtungslager Auschwitz. Bereits das Eingangsgebäude samt Bahnschiene und der im Hintergrund gelegenen Laderampe bereiteten einem Unbehagen. Die Wohnbarracken, welche ehemalige Pferdeställe waren, und die sanitären Anlagen boten uns ein gutes Bild darüber, wie schrecklich die Umstände damals gewesen sein mussten. Danach sahen wir uns die Ruinen der 4 Krematorien und Gaskammern an, als auch der zerstörten Lagerhäuser, von denen gerade einmal die Grundsteine verblieben sind. Das Wissen, dass an diesem Ort 1,5 mio. Menschen ihren letzten Besitz und anschließend ihr Leben verloren, trug zusammen mit den Ruinen dieser Vernichtungsmaschinerie dazu bei, dass uns erneut bewusst wurde, was dieser Ort eigentlich ist: Ein einziger Friedhof. Daraufhin betraten wir das ehemalige Verwaltungsgebäude, welches heutzutage für Ausstellungen genutzt wird. In der Ausstellung selber war das Aufnahmeprozedere zu sehen, das ein jeder Häftling über sich ergehen lassen musste. Aber auch ein Raum voller Fotos, die den Häftlingen bei Ihrer Ankunft mitsamt Gepäck und ihrer Habseligkeiten abgenommen wurde. Diese Fotos zeigten glückliche Familien in ihrem Leben vor dem Krieg. Jede einzelne Person auf diesen Fotos fiel dem Wahn der Nationalsozialisten zum Opfer.

Nach Beendigung der Rundführung bekamen wir den Nachmittag Zeit für uns, um am Abend erneut einen Film zu sehen, “Schindlers Liste”. Dieser Film sollte uns auf die Stadtrundführung durch Krakau am nächsten Tag vorbereiten, das Martyrium der polnischen Juden veranschaulichen und zugleich die Hilfsbereitschaft Einzelner den Juden gegenüber ehren.

Am Donnerstag sollten wir zuerst an zwei Workshops teilnehmen. Der erste befasste sich mit den Fluchtversuchen aus Auschwitz. Von den ca. 800 Fluchtversuchen gelangen nur ca. 100. Einige davon waren spektakulär. Der zweite Workshop beschäftigte uns mit den pseudomedizinischen Experimenten der Nazi-Ärzte, welche im Lager stattfanden, aber eher an Folter und Verstümmelung erinnerten. In beiden Workshops durften wir eigenständig mit einer Vielzahl an Quellen arbeiten und die Themen so selbst aufarbeiten. Im Anschluss unternahmen wir eine Stadtführung durch Krakau. Dabei wurde uns der Drehort von Schindlers Liste, das jüdische Viertel, der Marktplatz, sowie viele weitere Sehenswürdigkeiten gezeigt. Das jüdische Leben war in Krakau zwar lange Zeit verschwunden, doch durch die Stadtführung wurde uns klar, dass dies inzwischen nicht mehr so ist. Zurück in der Jugendherberge besprachen und werteten wir die Gedenkfahrt zu abschließend noch aus. Wir kamen zu dem Entschluss, dass für uns die gewonnenen Lebenserfahrungen am wertvollsten sind. Das Bewusstsein der Wichtigkeit von historischer Forschung sowie die Erkenntnis, dass man bspw. Filme kritisch hinterfragen muss wurde uns ebenfalls klar. Auch die Bedeutung des jüdischen Lebens in unserer durchaus multikulturellen Gesellschaft lernten wir bewusster wahrzunehmen. Die Reise war zwar emotional und körperlich fordernd, doch wiegt der Erkenntniswert der Reise dies um ein Vielfaches wieder auf.

Danke für diese Erfahrung.

Patrik S., 12. Klasse

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